KI, die Atombombe der neuen Zeit

DBVC Coaching-Kongress 2018: „Quo vadis, Business Coaching?“ ist der Titel der Keynote von Dr. Christopher Rauen. Aber es geht gar nicht so sehr um das Coaching selbst, sondern vielmehr um technologische Umwälzungen, die vor der Tür stehen – nein genauer: die in vollem Gange sind – und dies natürlich in ihren Auswirkungen auf das Coaching bezogen. Spannend ist der Beitrag aber auch für alle anderen, die mit Coaching eher am Rande befasst sind. Das Wort Atombombe verwendet Rauen mehrfach. Mit Bezug zur KI hören wir dann ab 37:48: „Und die künstliche Intelligenz, das ist die Atombombe der neuen Zeit. Wer diese Technologie zuerst zu etwas entwickeln kann, das der Gegner nicht beherrscht, kann damit eine Vorherrschaft erringen.“

Im Coaching-Magazin erschien zum Thema kürzlich auch ein Beitrag von Benno Grams.

Manche Aussagen erinnern an die Thesen, die vor Kurzem der Historiker Yuval Harari in seinen Büchern „Sapiens“ und „Homo Deus“ publzierte.

Übrigens, Harari brachte vor einigen Jahren einen kompletten
Online-Kurs zum Thema: Brief History of Humankind

Um zu einer guten Einordnung bevorstehender Entwicklungen zu kommen, lohnt es sich auf jeden Fall, beiden gut zuzuhören. Auch der aus Funk und Fernsehen bekannte Philosoph Richard David Precht äußert sich zu diesem Thema – allerdings weniger mit der Feststellung, was da alles auf uns zu rolle, sondern häufiger mit der Forderung, die Technologie habe dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt.

Hier nur ein kurzes Interview. Da gibt es wesentlich Auführlicheres oder gar Gedrucktes wie „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ im Goldmann Verlag.

Dem würde ich gerne zustimmen. Allerdings, Rauens Aussage „Alles was machbar ist, wird gemacht! Das ist nur eine Frage der Zeit. Und wenn nicht hier, dann irgendwoanders auf der Welt. Und das führt zu gesellschaftlichen Veränderungen.“ ist sicher eine sehr realistische – wenn auch nicht ganz neue – Einschätzung.

Aus diesem Grund, bleibt einem nur die Überlegung, wo man selbst sich hier wiederfinden möchte. Rauen erkennt die Möglichkeiten dort, wo der Coach sich die Fähigkeiten neuer Technologien zu Nutze macht, und seine Stärken dort ausspielt, wo der Mensch – noch ein Weilchen – die Oberhand behalten wird: So kenne KI vielleicht 1.000 systemische Fragen, könne Muster erkennen, die dem Coach beim Coachee nicht auffallen. Damit fällt die Aufmerksamkeit schnell auf Ressourcen, die aktiviert werden können, die Diagnostik insgesamt wird automatisierbar. Virtuelle Coaching-Räume entstehen, die man auf Klientenbedürfnisse anpassen kann, um individuelle Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.

Der entscheidende Punkt und damit Anlass zu Optimismus für Coaches ist: „Menschen verändern sich nach meiner Erfahrung durch intensive emotionale Impulse – nicht unbedingt eine Domäne von Maschinen! Auch da haben wir noch Vorteile. Intensive emotionale Impulse kann ich durch angepasste Lernumgebungen mit erzeugen und zumindest unterstützen.“ (48:21) Die erheblichen Veränderungen, die der Coaching-Markt erleben wird, werden wir nicht verhindern. Nun kann man künstliche Intelligenzen, Chatbots, Apps oder Avataren als lästige Konkurrenz verdammen. Aufhalten werden wir sie nicht. Nutzbar machen müssen wir sie uns, um unsere Wirksamkeit zu steigern. Automatisierung wird, folgt man Rauen, zu einer Trivialisierung (Coaching per App) von Coaching einerseits führen. Zum anderen wird es Marktimpulse geben, weiteren Coaching-Bedarf durch Digitalisierung und Virtualisierung etwa – also zum Beispiel zusätzlichen Bedarf durch die Prävention drohender psychischer Störungen, durch die Notwendigkeit, die entstehende Komplexität zu verarbeiten, die da auf Klienten zukommt. Die Herausforderung ist, hier ein entsprechendes Angebot zu kreieren. Coaching wird verfügbarer, schneller, ortsunabhängiger. Technik ist hier nicht nur Bedrohung, sondern gleichzeitig Unterstützung. Standardisierbares wird schon jetzt digitalisiert. Eine realistische Einschätzung ist da entscheidend. Dank an Christoph Rauen, für diese erhellenden Einsichten. Fokussieren wir uns also nicht auf das, was Computer besser können als Menschen, denn „Wir können uns auf das konzentrieren, wo wir Maschinen überlegen sind. Und das sind unsere kreativen, unsere sozialen und unsere reflexiven Fähigkeiten.“ (51:15).

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Friedrich Hölderlin in der Hymne Patmos, 1. Strophe, Vers 3-4.