(Un)persönliche Entwicklung: Der Erfolg einer „Behauptung“

„Wie soll man sich denn „entwickeln“, wenn man ständig von Coaches „eingewickelt“ wird? Wie kann man die Entwicklung „persönlich“ nennen, wenn Leitfäden und Handbücher sowohl an jeden und gleichsam an alle anderen gerichtet sind? Die Philosophin Julia de Funès geißelt vergnügt die Betrügereien einer gewissen positiven Psychologie.“ – Kleiner Übersetzungsversuch

Le développement (im)personnel – Le succès d’une imposture – ein herrlich provokanter Titel mit steiler These, der leider (noch?) nicht in englischer oder deutscher Übersetzung vorliegt. Für alle, die wie ich nicht über hinreichende Französischkenntnisse verfügen, um französische, wenn auch populärwissenschaftliche, Fachbücher genießen zu können, gab es zum Trost kürzlich auf ARTE einen Beitrag zum Thema mit deutscher Synchronisation. Darin unter anderem ein kurzes moderiertes Gespräch mit Autorin Julia de Funès, promovierte Philosophin und diplomierte Personalmanagerin und Gabriel Hannes, Coach, Referent und Berater.

Wir erfahren hier zumindest etwas darüber, was in dem Buch kritisiert wird. Zum Beispiel, dass Menschen Coaches werden, weil es ihnen eine narzistische Befiedigung beschere und eigentlich nur eine Habilitation in Philosophie zu dem berechtige, was Coaches praktizieren, und (zum Glück doch noch) durch Gabriel Hannes was Coaching heute tatsächlich ist und was dann – nach für meinen Geschmack etwas zu viel blasierter philosophischer Dünnbrettbohrerei – leider etwas zu kurz kommt.

Auf jeden Fall spannend: wie auch immer es dazu kommt, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass de Funés ungeplant ein Plädoyer für die Coaching-Praxis „erzeugt“, indem sie sich zwar darüber beklagt, Coaching wäre ja eigentlich Philosophie und die stehe nur einem promovierten, habilitierten Elfenbeinturmbewohner dieses Fachs zu. Andererseits zeigt Hannes klar, dass Coaching angewandte Hermeneutik sein kann und damit eben praktische Philosophie im sokratischen Sinne, die (!) man eben betreiben muss – auf der Agora. Mit Erfahrung und fundierter Ausbildung sicher, aber eben ganz praktisch. Machen nicht maulen.

Verlags-Infos zum Buch: www.editions-observatoire.com

„Si tacuisses, philosophus mansisses.“ – Boethius

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